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Im Jahr 2018 blickte die Pfarrei Gernsbach auf 775 Jahre zurück.

Zu diesem Anlass erschien im Badischen Tagblatt zwischen September und November 2018 eine Artikelserie über die komplizierte Kirchengeschichte

775 Jahre Pfarrei Gernsbach – Rückblick auf eine komplizierte Kirchengeschichte, Teil 1

Reformierte und katholische Grabmäler Seite an Seite in der katholischen Liebfrauenkirche, ein katholischer Tabernakel in der evangelischen St. Jakobskirche:  Die Gernsbacher Kirchen haben öfter die Religion gewechselt. In diesem Jahr blicken die Kirchengemeinden gemeinsam auf 775 Jahre Geschichte zurück. Das Badische Tagblatt nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, auf einige Stationen der komplizierten Gernsbacher Kirchengeschichte zurückzublicken.

„Die Menschen, die in den Dörfern Sulsbach, Ottenau, Gaggenaw, Seelbach, Michelbach, Bischoffweijer und Winckel wohnen, sollen wie bisher ihrem Priester in Rotenfels verpflichtet sein. Die Menschen aber, die in dem Städtchen Gernspach und den anderen Dörfern wohnen, sollen die heiligen Sakramente vom Priester von Gernspach empfangen.“ So heißt es sinngemäß in einem lateinisch verfassten Dokument, das die Jahreszahl 1243 trägt und uns in einer Abschrift aus dem 18. Jahrhundert erhalten ist. Die Urkunde gilt als Gründungsakt der eigenständigen Pfarrei Gernsbach. Ausgestellt wurde sie auf Betreiben des Bischofs von Speyer, in dessen Diözese das Murgtal lag.

Ursprünglich gehörte Gernsbach als sogenannte Filiale zur Pfarrei Rotenfels. Das Gut Rotenfels, eine ausgedehnte Grundherrschaft um das heutige Bad Rotenfels, spielte die wichtigste Rolle bei der frühen Besiedelung des Murgtals. Kaiser Heinrich III. schenkte die Ansammlung von Bauernhöfen 1041 dem Domstift Speyer, also der Gemeinschaft von Bischof und Domherren. Die strebten danach, diesen Besitz zu erweitern und holten mehr Menschen ins Tal, die neues Land urbar machen und neue Häuser und Höfe bauen sollten. Das war nicht nur für die neuen Siedler, sondern auch für die Grundherren interessant, denn sie erwarben nach damaliger Rechtsauffassung das Eigentum an dem neu besiedelten Land. Für die geistliche Versorgung der zunehmenden Schar von Siedlern war die Rotenfelser Kirche zuständig. Sie gilt als „Mutterkirche“ des unteren Murgtals.

Hauptsächlich aufgrund eines günstigen Klimawandels stieg zwischen 950 und 1200 die Bevölkerung in Europa von etwa 40 Millionen auf rund 65 Millionen Menschen. Auch ins Murgtal zogen immer mehr Siedler, die genutzten Flächen dehnten sich immer mehr aus und mit ihnen der Pfarrbezirk. In der Urkunde von 1243 stellte der Bischof fest, dass es „wegen der Entfernung des Ortes und wegen der Ausdehnung der Grenzen“ schwierig sei, alle Bewohner des Tals von Rotenfels aus mit den Sakramenten zu versorgen. Die dabei entstehende Verzögerung sei, so befürchtete der Oberhirte, für die Gläubigen gefährlich. Das Leben des Einzelnen war in dieser Zeit tatsächlich ständig bedroht. Im Notfall musste der Priester schnell vor Ort sein, um die Beichte abzunehmen und das Abendmahl zu spenden. Kam er zu spät, konnte das den Verstorbenen nach der damaligen Überzeugung unter Umständen das ewige Leben kosten.

Welche Ausdehnung die neue Pfarrei Gernsbach hatte, lässt sich nicht mehr feststellen. In der Urkunde werden nur die Orte genannt, die bei Rotenfels bleiben sollten. Der Pfarrbezirk war auf Wachstum hin angelegt. Gernsbach, im Jahr seiner Ersterwähnung 1219 noch als „villa“, also als Dorf oder Weiler bezeichnet, ist in der Urkunde von 1243 zu einem „oppidum“ aufgestiegen, also einer kleinen Stadt. Bei der Teilung der Ebersteiner Besitztümer zwischen den Brüdern Otto I. und Eberhard IV. 1219 war Gernsbach an Otto gekommen, der sich  bald darauf seine neue Stammburg Neueberstein (später Schloss Eberstein) erbaute. Von dort aus trieben die Ebersteiner die Urbarmachung und Besiedelung des Murgtals weiter nach Süden voran. Im 13. Jahrhundert entstanden die Orte Scheuern, Staufenberg und Obertsrot und vermutlich bereits auch Lautenbach, Hilpertsau, Weisenbach, Langenbrand und Gausbach. Sie alle, später auch Forbach und Bermersbach,  gehörten zur Pfarrei Gernsbach. Gernsbach entwickelte sich zum zentralen Ort der Grafschaft. Die Gründung der Pfarrei war ein Projekt der Ebersteiner. Die Urkunde von 1243 erwähnt den Speyerer Domprobst Berthold von Eberstein und Graf Otto als Kirchenpatron in Gernsbach. Initiator war Bischof Konrad von Eberstein, Ottos Bruder. Seine Grabplatte mit der ersten Darstellung eines Ebersteiners befindet sich in der Klosterkirche von Herrenalb.

 

Rotenfelser dürfen Gernsbacher exkommunizieren
775 Jahre Pfarrei Gernsbach Teil 2

Strafe im Jenseits: 100 Tage Fegefeuer
775 Jahre Pfarrei Gernsbach Teil 3

Grafen brauchen Gräber: Neubau von St. Jakob  anno 1467
775 Jahre Pfarrei Gernsbach Teil 4

Conrad v Eberstein

Das Grabdenkmal von Konrad von Eberstein (1237 bis 1245 Bischof von Speyer) in der Klosterkirche von Herrenalb

Jakobskirche.1

Klingelkapelle entwickelt sich zum Marienwallfahrtsort
775 Jahre Pfarrei Gernsbach Teil 5

Die St. Jakobskirche Gernsbach wurde 1467 erbaut. An ihrer Stelle befand sich eine bereits 1219 erwähnte Kirche, die 1243 Pfarrkirche wurde.

Verbotener Glaube in der Liebfrauenkirche
775 Jahre Pfarrei Gernsbach Teil 6

Gernsbach Präzedenzfall in Baden
775 Jahre Pfarrei Gernsbach, Teil 7

Kirchenfenster gegen Messkelch
775 Jahre Pfarrei Gernsbach Teil 9

Mist an Fronleichnam und Attentat auf Nepomuk
775 Jahre Pfarrei Gernsbach Teil 8

Zeichen der Annäherung
775 Jahre Pfarrei Gernsbach. Teil 10

© Cornelia Renger-Zorn 1999-2020
letzte Aktualisierung: 27. November 2020

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